Exarchia, nördlich vom Athener Zentrum gelegen, sei ein Bohème– und Intellektuellenviertel, so ist zu lesen. Das ist hoffentlich nicht nur abgeleitet von der hohen Zahl der dort lebenden Studenten und der relativen Dichte an Buchhandlungen. Ebenso ist von einer Art Umschlagplatz für Radikal– und Anarcho–Ideen die Rede.
Eines ist für uns an diesem sonnigen Oktobertag 2026 schon nach wenigen Minuten deutlich: Wer hier wohnt, sollte nicht zimperlich sein mit seiner Hauswand. Oder zumindest seinen Frieden damit machen können, dass jemand seinen Zorn aus sich herausgesprayt hat, ohne Rücksicht auf die Eigentumsverhältnisse zu nehmen. Denn hier gilt eher die Devise, dass Eigentum Diebstahl sei. Und damit ist wohl dann auch jede Fassade Teil des öffentlichen Raums, die als Projektionsfläche benutzt werden kann.



Exarchia, benannt nach dem gleichnamigen Platz, ist das Herz der linken Athener Subkultur. Immer wieder kommt es hier zu Zusammenstößen mit der Polizei, die als Schlagtruppe der Obrigkeit gesehen wird. Das hat sich in den letzten 100 Jahren kaum geändert. Traurige Höhepunkte in der jüngsten Geschichte fasst Wikipedia so zusammen:
„Der älteste überlieferte Zusammenstoß von Studenten mit der Polizei in Exarchia fand am 11. Mai 1959 statt und wurde unter dem Namen „Skiadika“ bekannt. Auslöser war das Verprügeln von Studenten der Wirtschaftsuniversität; Demonstranten forderten ihre Freilassung. (…) Am 6. Dezember 2008 wurde der 15 Jahre alte Alexandros-Andreas Grigoropoulos in Exarchia von Polizisten erschossen. Daraufhin brachen in Athen und anderen griechischen Städten schwere Unruhen aus, bei denen zahlreiche Geschäfte, Banken und Autos in Brand gesetzt wurden. Bereits 1985 waren landesweite Unruhen ausgebrochen, nachdem der 15 Jahre alte Michalis Kaltezas von Sicherheitskräften durch einen Kopfschuss getötet worden war.“
Vor wenigen Jahren kam es im Zusammenhang mit der Errichtung einer U-Bahn-Station im Viertel zu heftigen Auseinandersetzungen. Derzeit ist das Areal mit einem hohen Zaun umgeben – und es herrscht Stillstand.

Das unmittelbare Feindbild ist klar und manifestiert sich an den Wänden so:


Ansonsten geht es gegen das „System“ in all seinen Ausprägungen: Kapitalismus, G20, Gentrifizierung und Tourismus … Es gilt als nicht veränderbar und muss deshalb zerstört werden muss. Dieses System ist in der Wahrnehmung immer rechts. Der Gegenentwurf ist die Anarchie.





Auch der Gaza-Krieg findet an den Wänden im Excharia einen Niederschlag – wiederum mit eindeutiger Täter-Opfer-Zuweisung. Der Hass lässt keinen Platz für Differenzierung …
Diese Art von Unerbittlichkeit führt in der Auseinandersetzung stets zu Opfern, die zu Identitätsfiguren für das politische Begehren werden.



Natürlich befassen sich die Murals im Szeneviertel nicht nur mit „harten“ politischen Botschaften. Sie bilden vielmehr die ganze thematische Bandbreite von Kritzeleien und vandalistischen Schmierereien auf der einen Seite und künstlerischer Darstellung (also echter Streetart) auf der anderen ab. Und vieles dazwischen ist mehr oder minder schön und inspirierend anzuschauen.











Wer im Exarchia einen Laden oder ein Lokal führt, ist gut beraten, die äußere Gestaltung des Geschäfts selbst in Auftrag zu geben. Denn so hat man die Chance, von unerwünschten Sprayattacken verschont zu bleiben. Eine Gewähr ist das allerdings nicht.




Besonders beeindruckend fanden wir einige großformatige Werke, die zum Teil die ganze Hausfassade bedecken.




Was noch gesagt werden muss: Selbstverständlich wird im Exarchia auch ganz „normal“ gelebt, also gewohnt, gearbeitet, mit dem Nachbarn gestritten, vor allem auch: gegessen, getrunken, gefeiert und geflirtet. Aber das nächste Mural ist dabei maximal einen Meter entfernt 😉.

