Valencia (1) – Vielfalt im Zeichen der Orange

Valencia ist mit ca. 800.000 Einwohnern (im Ballungsraum 1,5 Mio.) nach Madrid und Barcelona die drittgrößte Stadt Spaniens, aber nicht annähernd so bekannt wie die beiden großen Schwestern. Dabei haben die meisten von uns zumindest schon einmal Orangen oder Mandarinen gegessen, die von den Hunderte von Quadratkilometern umfassenden Anbauflächen rund um Valencia stammen, nach ganz Europa exportiert werden und die die Quelle für den Wohlstand der Stadt sind.
Anlass für unseren Besuch im Oktober 2016 war unser jüngster Sohn, der in Valencia ein Auslandssemester eingelegt hatte. Wir buchten über eine Plattform eine Wohnung mitten im quirligen Multikultiviertel Ruzafa (Calle Puerto Rico) und bezogen dort mit unserem älteren Sohn und dessen Freundin Quartier.

Wir stellten bald fest, dass Valencia alles zu bieten hat, was eine Stadt im Süden braucht: eine Altstadt, die über Jahrhunderte gewachsen ist und zum Bummeln und Verweilen einlädt, interessante Architektur und Museen/Galerien, Einkaufsmöglichkeiten, eine vielfältige Küche und schließlich Menschen, die Lebensfreude ausstrahlen und sich bei aller zeitweiligen Hektik eine gewisse Gelassenheit bewahrt haben. Ein Strand ist ein nicht unwesentliches Extra … Wichtig ist dabei für uns eine gewisse Überschaubarkeit. Auch hier kann Valencia punkten, denn im Grunde liegt alles touristisch Relevante in Spaziernähe, so dass man die Stadt in Ruhe zu Fuß erkunden kann.

Ein erster Blick auf den Stadtplan macht deutlich, dass viele Sehenswürdigkeiten im Herzen der Stadt an den langgezogenen Bogen des trockengelegten Turia-Flusses grenzen. Dieses Flussareal ist im Grunde ein große Parkanlage, die viele Valencianos für Sport, Spaziergänge und einfach mal ein Päuschen nutzen. Wenn man sich, zu Fuß oder mit dem Rad, in der Grünanlage in Richtung Südosten bewegt, gelangt man in die „Stadt der Künste und Wissenschaften“ (Ciudad de las Artes y las Ciencias, kurz CAC), die den Besucher unmittelbar mit einer futuristisch anmutenden Architektur in den Bann schlägt. Hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt … Die Anlage, vom in Valencia geborenen Stararchitekten Santiago Calatrava Anfang der 1990er-Jahre entworfen, ist einfach spektakulär. Sie erstreckt sich über 350.000 qm und beinhaltet u.a. ein Wissenschaftsmuseum (Museo de las Ciencias Principe Felipe), ein schiffähnliches Opernhaus mit vier Bühnen und insgesamt 3.600 Zuschauerplätzen (Palau de les Arts Reina Sofia), einen „Unterwasserzoo“ mit diversen Außenbecken und insgesamt ca. 45.000 Tieren (Oceanográfico) und einen an eine überdimensionale Harfe erinnernden geschwungenen Brückenträger (Puente de Azud de Oro), der 126 m in die Höhe ragt. Zur Wahrheit dieses gigantische Komplexes gehört freilich auch, dass die für ihn entworfenen Finanzpläne nicht einmal annähernd umgesetzt werden konnten und Stadt und Land noch heute unter den Kosten ächzen.
Für die CAC sollte man sich schon einen Tag Zeit nehmen.

Vom Hort der Hypermoderne der CAC zurück ins Gestern und Heute, wo man wieder geerdet wird und sich das pralle Leben abspielt: ins Zentrum und in die Altstadt. Nur ein paar Gehminuten von unserer Wohnung in Ruzafa entfernt liegt unser Tor zur Altstadt, ein echtes Schmuckstück für Jugendstilliebhaber, der Nordbahnhof (Estación del Norte), 1917 erbaut und bekannt durch Trencadis-Kachelwände und das Mosaikgewölbe im Innern. Unter „trencadis“ versteht man eine Technik, bei der Keramikstücke in einer Art Mosaik in den Fassadenputz gelegt werden, typisch valencianisch. Fast fällt es schwer, sich vorzustellen, dass dieser Bahnhof ganz normal für seinen eigentlichen Zweck genutzt wird!

Gleich gegenüber dem Nordbahnhof beginnt die Avenida Marqués de Sotelo, wo sich mehrere emblematische Bauten aneinanderreihen, beispielsweise das Rathaus und die Post, die im Innern von einer riesigen Glaskuppel mit Stadtwappen überwölbt wird. Auch Versicherungen, die wohl seit jeher gerne ihren Geschäftserfolg mit pompösen Bauwerken demonstrieren, sind in dieser Prachtstraße zahlreich vertreten.

Eingang zur Hauptpost
Glaskuppel in der Post

Hält man sich am nördlichen Ende der Avenida Marqués de Sotelo links, immer der Nase nach :-), kommt man zu einer weiteren Perle des Jugendstils (im Spanischen „Modernismo“), die ganz irdischen Genüssen gewidmet ist, dem Zentralmarkt (Mercado Central). Hier soll es die frischesten Lebensmittel der Stadt geben, und hier weiß der überforderte Besucher gar nicht, wohin er schauen soll: Das Gebäude selber ist ein wunderschöner Zweckbau, in seinem Innern geht’s mit Farben, Geräuschen und Gerüchen wild durcheinander. Und dann wuseln da überall Menschen herum, die etwas kaufen, verkaufen, kosten oder einfach nur zusehen wollen. Am besten einfach treiben lassen … Und zumindest eine Gewürzmischung für eine echte Paella Valenciana (nur Hühnchen- und Kaninchenfleich, ohne Meeresfrüchte!) kaufen.

Fast daneben befindet sich ein weiterer Handelsplatz, allerdings nicht so umtriebig wie der Zentralmarkt und von eher historischem Wert, die Seidenbörse (Lonja de la Seda), aus dem Jahr 1482, UNESCO-Weltkulturerbe. Sie wirkt von außen etwas nüchtern, dafür von innen mit ihrer großen Säulenhalle, den aus Stein gemeißelten Säulen und dem gedämpften Licht umso beeindruckender. Zur Börse gehört ein kleiner Garten mit Springbrunnen, Orangenbäumen und Sitzbänken, der zu einer Pause einlädt.

Wer in der Altstadt unterwegs ist, kommt nicht am Platz der Jungfrau (Plaza de la Virgen) vorbei. Man sagt, er habe für die Valencianos eine ganz besondere Bedeutung, hier fühlten sie sich ihrer Schutzpatronin besonders nah. Wohl aus diesem Grunde dominiert die Basilika den Platz, wo immer etwas los ist.

Wer einen Einblick in das Alltagsleben einer Künstlerfamilie zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewinnen möchte, ist im CasaMuseo Benlliure genau richtig. Die Wohnräume, mit viel Liebe zum Detail wiederhergestellt, vermitteln einen authentischen Eindruck vom Alltagsleben der Familie. Der erste und zweite Stock des Gebäudes werden als Ausstellungsräume, vor allem für Gemälde, genutzt, auch das Atelier von José Benlliure kann besichtigt werden – bis unter die Decke gefüllt mit Kunstwerken und Sammelobjekten. Besuchenswert ist auch der etwas verwilderte Garten.

Und wenn man einfach nur mal „abhängen“ möchte?
Auch dazu bietet Valencia reichlich Gelegenheit, nicht nur in den Grünanlagen und den Cafés der Stadt, sondern auch am Strand. Die Valencianos nennen ihn kurz „Malva“ (für „Playa Malvarrosa„) und lassen dabei außer acht, dass auch die Playa las Arenas (unmittelbar an den Hafen angrenzend) zum Stadtstrand gehört. In früheren Zeiten hatte Valencia keinen direkten Seezugang. Zwischen der Stadt und dem Meer lag ein Fischerdorf, El Cabañal, das heutzutage längst als Stadtviertel eingemeindet ist und dennoch seinen eigenen Charakter bewahrt hat. Hier hält man beispielsweise wenig von dem stadtplanerischen Ansinnen, alte Häuser abzureißen, um die Avenida Blasco Ibáñez bis ans Wasser zu führen. Man scheint sich darauf zu besinnen, die heruntergekommenen Häuser nach und nach behutsam zu sanieren.

Und zum Schluss vielleicht noch etwas Süßes, und zwar gleich so, dass man sich nahe am Zuckerschock bewegt? Da eignet sich die Horchateria Santa Catalina, mit über 200 Jahren ein echtes Traditionslokal, das zum Beispiel „chocolate con churros“ anbietet – dickflüssige Schokolade mit frittiertem Spritzgebäck. Als typisch valencianisch gelten die „horchata con fartóns“, Edmandelmilch mit länglichem Hefegebäck, das warm serviert wird. Wem das nicht so richtig mundet, hat mit Sicherheit Freude an der tollen Ausstattung der Horchateria!

PS: Dem Spanischkundigen ist sicherlich die seltsame Schreibweise einiger Begriffe in diesem Beitrag aufgefallen. In Valencia gelten zwei Landessprachen, das kastillische (überall im Land gesprochene) Spanisch und Valencianisch, eine dem Katalanischen ähnliche Sprache. Offizielle Dokumente und Erklärungstexte (wie z.B. in Museen) sind stets in beiden verfasst.

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